Der Darm und die Psyche

„Es bleibt mir im Hals stecken; ich kann das nicht verdauen; man macht sich vor Angst in die Hose; da dreht sich einem der Magen um …“ – Redewendungen, die allgemein bekannt sind und alltäglich gebraucht werden.

Was ist dran?

Ein Beitrag von Dr. med. Siegfried Kober
Akademie für Orthomolekulare Medizin e.V. (AOM)

Tatsächlich verfügt der Darm über ein Nervensystem, was so groß ist wie das gesamte Rückenmark. Es arbeitet weitgehend unabhängig vom Gehirn. Der Mensch hat im Gehirn ein Zentrum für die Steuerung des Kreislaufs, der Atmung und vieles mehr – aber kein Zentrum für den Darm. Das hoch entwickelte Nervensystem des Darmes ist komplex aufgebaut.

Es funktioniert mit den gleichen Botenstoffen wie das Gehirn – Serotonin, Acetylcholin, Adrenalin – um nur einige zu nennen. Die Verbindungen des Darmnervensystems zum Gehirn sind zu 90 % so aufgebaut, dass das Darmnervensystem das Gehirn informiert – nur 10 % der Nervenverbindungen informieren und nehmen Einfluss auf den Darm. Das parasympathische Nervensystem spielt hier mit seinem Vagusnerv eine besondere Rolle.

Auch unser Darm hat ein Gedächtnis

Das Darmnervensystem steuert die muskuläre Darmtätigkeit, die Durchblutung, die Aufnahme der Nahrung und die Darmdurchlässigkeit und hat steuernde Funktionen für das Immunsystem des Darmes. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass das Darmnervensystem auch ein Gedächtnis hat. Allerdings ist es nicht so aufgebaut wie das Gedächtnis im Gehirn.

Psychische Veränderungen oder Belastungen haben einen großen Einfluss auf das Darmnervensystem – umgekehrt haben Störungen im Magen-Darm-Trakt einen großen Einfluss auf die psychische Befindlichkeit. Chronischer Stress, Angst und Depression vermindern die Magenausdehnung beim Essen – man bekommt nichts mehr herunter.

Angst beschleunigt die Zeit, welche der Speisebrei für den Durchgang durch den Verdauungstrakt benötigt. Depressive Verstimmungen verlangsamen die Magen-Darm-Passage. Chronischer Stress erhöht das Risiko für entzündliche Darmerkrankungen und Fehlverdauungen.

Bei Patienten mit Colitis Ulcerosa ist unter extremer Stressbelastung das Risiko für einen entzündlichen Schub verdreifacht. Bei Stress bereitet sich der Körper auf Aktivität vor. Die Verdauungstätigkeiten sowie die Durchblutung des Verdauungssystems werden heruntergefahren. Es kommt zur Hemmung der Peristaltik – die Tätigkeit der großen Verdauungsdrüsen Leber / Galle und Bauchspeicheldrüse kommen bei extremem Stress sogar fast zum Erliegen.

Die Folgen sind eine mangelhafte Verwertung und Ausnutzung der Makro- und Mikronährstoffe aus der Nahrung und häufig auch chronische Kohlenhydratgärung sowie Eiweißfäulnis.

Reizdarmsyndrom

Beim Reizdarmsyndrom, welches viele Ursachen wie Nahrungsintoleranzen, Darmerkrankungen und chronische Gärungs- und Fäulnisvorgänge haben kann, reagiert das Nervensystem des Darmes übersteigert.

Dann können sowohl Durchfälle als auch Verstopfungen auftreten. Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden statistisch gesehen häufiger auch an psychischen Problemen wie Ängsten oder Depressionen. Ein Beispiel dafür, wie der Darm die Psyche beeinflusst, ist die Fruchtzuckerintoleranz.

Kann Fruchtzucker aus der Nahrung nicht mehr aufgenommen werden, dann können sich Komplexe zwischen Fruchtzucker und der Aminosäure L-Tryptophan bilden. L-Tryptophan ist der Ausgangsstoff für den Aufbau des Glückshormones Serotonin. Entsprechend findet man bei Menschen mit einer Fructoseintoleranz gehäuft auch depressive Stimmungsschwankungen.

Bestimmte Zuckerersatzstoffe, wie sie Diabetiker nehmen, können ebenfalls die Fruchtzuckeraufnahme aus dem Darm empfindlich stören. Sie werden dann – ernährungsbedingt – Fruktose intolerant mit entsprechenden psychischen Auswirkungen.

Kommunikation zwischen Darm und Immunsystem

Das Nervensystem des Darmes hat außerdem sehr viele Verbindungen zum Immunsystem des Darmes. Es findet eine intensive Kommunikation statt. Entzündungsmediatoren wie Histamin und Prostaglandine stimulieren nicht nur direkt die Schleimhautzellen des Darmes, sondern auch die Motoneuronen und andere Zellen des Darmnervensystems.

Es werden sowohl die Reflexe der Darmmuskulatur als auch der Darmschleimhaut aktiviert. Einer der wichtigsten Neurotransmitter ist diesbezüglich das Serotonin. Es kommt dann zu einer vermehrten Flüssigkeitsausschwitzung aus dem Darmepithel – die Schadstoffe werden verdünnt – und zu einer verstärkten muskulären Darmtätigkeit – die Magen-Darm-Passage wird beschleunigt.

Dieser Mechanismus ist mittlerweile für Bakteriengifte von pathologischen Escheria Coli Bakterien, Salmonellen, dem Rotavirus und den Clostidien belegt. Eine verminderte Serotoninbildung im Darm – durch Fruchtzuckerintoleranz oder andere Ursachen – erschwert diese Entgiftungsfunktion.

Kommunikation zwischen Darm und Immunsystem

Die physiologische Darmflora hat viele wichtige Aufgaben: sie schützt unter anderem vor eindringenden krankmachenden Erregern und trainiert das darmständige Immunsystem.

Die normalerweise im Darm vorkommenden und nicht krankmachenden Bakterien haben jedoch auch direkten Einfluss auf das Darmnervensystem – das Nervensystem des Darmes informiert das Gehirn auch ständig über den Status der Darmflora. Die physiologische Darmflora beeinflusst somit auch direkt unser Gehirn.

In Versuchen mit Mäusen konnte gezeigt werden, dass man das Verhalten einer Maus auf eine andere übertragen kann, indem man die Darmflora der einen Maus in das Futter der anderen gibt. Das aggressive Verhalten einer Mäusepopulation konnte auf eine sanftmütigere übertragen werden, indem man die Darmflora der aggressiveren Population an die sanftmütige verfütterte.

In einem Forschungsprojekt am Center for Neurobiology of Stress in Los Angeles verabreichte man 60 Frauen für die Dauer von 14 Tagen eine Lösung mit probiotischen Darmbakterien zur Harmonisierung der Darmflora. In den nachfolgenden Stresstests fand man eine deutlich und signifikant verminderte Stressreaktion des Gehirns bei den gesunden Probandinnen.

Ein Beitrag von Dr. med. Siegfried Kober
Akademie für Orthomolekulare Medizin e.V. (AOM)

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